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Herzenshund Mika

Als ich im November 2011 im ALBA-Tierheim in Madrid war, traf ich auf einen Hund, der mich seitdem nie wieder losgelassen hat: Colmillo Blanco hieß der schöne Husky-Mischling und er war über mehrere Jahre am Madrider Bahnhof beobachtet worden. Alle Versuche, ihn anzulocken oder gar einzufangen, schlugen über Jahre hinweg fehl. Als es den ALBAnern dann endlich gelang, war Colmillo Blanco (weißer Fangzahn) so angeschlagen und ängstlich, dass man sich große Sorgen um ihn machte.

Ich sah ihn wie gesagt im November, wie er total apathisch im Quarantänezimmer lag und wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er sich wohl in der Wand versteckt, nur um keinen Kontakt zum Menschen aufnehmen zu müssen. Noch nie hatte ich zuvor einen Hund gesehen, der sich so tot gestellt hat, sich selbst so aufzugeben schien.

Wer uns kennt, weiß, dass wir ein großes Herz für die nordischen Rassen haben, aber nicht nur optisch faszinierte mich der scheue, kleine Wolf. Ich wollte - nein: musste! - ihm einfach helfen.
Ein großer Vorteil ist und war: Colmillo Blanco ließ alles über sich ergehen und erstarrte in seiner Angst, wehrte sich nie!

Zuerst trauten wir uns jedoch nicht. Wir sind zwar längere Zeit schon als Pflegestelle tätig gewesen, auch für den ein oder anderen ängstlichen Hund, aber von Profis sind wir gefühlte Welten entfernt! Die ALBAner holten ihn jedoch zu sich ins Büro und gingen mit ihm imm
er wieder kurze Strecken spazieren, um ihn für eine Pflegestelle vorzubereiten.

Im Frühjahr beschlossen wir dann doch, C
olmillo Blanco zu uns zu holen. Hatten wir für unseren verstorbenen Husky doch bereits einen Außenbereich eingerichtet und den Garten gut eingezäunt, so dass wir den scheuen Hund notfalls auch draußen hätten halten können (was jedoch nicht geplant war, da unsere Hunde gerne immer bei uns sind).

Im Mai 2012 war es dann soweit: Colmillo Blanco durfte mit dem Flugzeug nach München reisen und wir warteten gespannt, wie er sich bei uns verhalten würde.
Nach seiner Ankunft war er natürlich wie erstarrt, traute sich nicht aus seiner Box heraus und sobald wir ihn alleine ließen, flüchtete er sich in das Körbchen unserer alten Hündin Sally, welches er seitdem bis heute als Zufluchtsort hat (unsere Sally hatte immer mehrere Schlafplätze und konnte somit gut umgebettet werden).


Die ersten Tage mussten wir Mika, wie wir ihn schnell umbenannten, aus seinem Körbchen heben, um ihm das ausbruchsichere Geschirr anzulegen und ihn doppelt anzuleinen. Zum Glück ging er ganz gut an der Leine (eigentlich ein Wunder!) und sehr schnell orientierte er sich an unseren Hunden - vor allem an unserem Merlin (Nordische halt - sie sprechen eine Sprache!). Bei jedem Auto, bei jedem Fahrrad oder gar Kinder bekam Mika Panik. Er hatte wirklich vor allem und jedem Angst.

Im Garten legte er sich im hintersten Winkel in die Hecke und traute sich nur hinein, wenn ke
in Mensch zu sehen war. Wir wussten, dass er niemals ein "normaler", angstfreier Hund werden wird.

Ich weiß heute nicht mehr, wie lange es dauerte, bis er zumindest zu mir anfing Vertrauen zu fassen. Zunächst nur zu mir.  Es sind immer kleine Schritte, die uns rühren und glücklich machen. So fing er an, sich irgendwann bis zur Haustür zu trauen, um bei den Spaziergängen angeleint zu werden, denn Gassi gehen ist ein Highlight für ihn.
Er fing an, Leckerlies aus unseren Händen entgegenzunehmen und sich beim Streicheln zu entspannen. Er fing an zu spielen!!


Als er mich eines Tages für ein Leckerchen sogar ansprang, kamen mir die Tränen vor Freude (obwohl ich das normalerweise bei keinem meiner Hunde dulde! Er hat es jedoch auch nie wieder getan).

 
Über die Monate entwickelte sich eine Beziehung: Mika reibt sich inzwischen morgens den Kopf an mir und lässt sich ausgiebig begrüßen. Er hat "Sitz" gelernt und springt inzwischen sogar in den Kofferraum unseres Autos. Er traut sich an Fahrradfahrern und Joggern vorbei (an Kindern NICHT - da hat er nach wie vor Panik!) und er ignoriert die Autos, die an uns vorbei fahren (was früher undenkbar war - er erstarrte an Ort und Stelle und ging erst weiter, als kein Fahrzeug mehr zu sehen oder hören war).

Richtig glücklich ist mein kleiner Wolf jedoch auf der Flitzewiese - eigentlich ein Windhund-Auslauf, den wir mit benutzen dürfen. Hier rennt und spielt er (nur mit mir) und entspannt völlig. Inzwischen lässt er sich dort auch von den ersten "Fremden" streicheln - ist aber immer noch sehr vorsichtig.

Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll: Mika ist mein Herzenshund. Mit jedem Fortschritt, den er macht, macht er mir Freude, bin ich stolz auf ihn! Zu mir uns meinem Mann hat er inzwischen eine Bindung aufgebaut - unsere jugendlichen Kinder sind ihm noch immer suspekt, doch es wird jeden Tag ein bisschen besser.

Diese Geschichte schreibe ich hier auf, weil ich damit deutlich machen möchte, dass Straßenhunde bzw. Hunde aus dem Tierheim nicht immer leicht zu händeln sind. Für uns war bei Mika schon nach wenigen Monaten klar: diesen Hund kann man nicht mehr vermitteln. Wir hätten das Fünkchen Vertrauen, dass der alte Hund zu uns aufgebaut hatte, nicht mehr zerstören mögen. Zudem wüsste ich bis heute nicht, wem ich diesen Hund überhaupt anvertraut hätte! Und vor allem liebt Mika unseren Merlin so heiß und innig, dass er manchmal sogar weint, wenn Merlin alleine fort geht.

Und so bleibt dieses tapfere Wölflein bis zu seinem Lebensende bei uns und ich denke, dass er inzwischen gerne bei uns lebt, auch wenn er in Gefangenschaft sein muss.